Die Begegnung auf Kos
Manchmal geschieht etwas, das so beiläufig ist,
dass man es fast übersehen könnte.
Ein Moment, der zwischen zwei Atemzügen passiert
und doch nachhallt,
als hätte sich darin eine Tür geöffnet,
die man selbst nicht gesucht hat.
So begann es an einem Nachmittag auf Kos.
Wir schlenderten durch die engen Gassen,
die im Sommer nach Staub, Salz und warmem Stein duften,
als die Kinder in einen dieser kleinen Läden verschwanden,
die bis zur Decke vollgestellt sind
mit antiken Köpfen, Götterbüsten und mythologischen Miniaturen.
Für mich sah es aus wie immer —
ein Durcheinander aus Souvenir und Geschichte,
halbe Tempel, halbe Postkarte.
Doch meine Kinder kamen nicht lässig wieder heraus.
Sie kamen gerannt,
atmenlos wie nach einem Fund,
der größer war als sie selbst.
„Papa, Papa, du musst sofort kommen!
Die haben eine Statue von dir!“
Ich lachte.
Nicht spöttisch,
sondern in diesem liebevollen Unglauben,
der entsteht,
wenn Kinder etwas wirklich sehen
und man selbst noch nicht weiß, was.
Doch ihre Dringlichkeit ließ mich folgen.
Innen war es warm, staubhell,
ein stiller Wald aus Steinprofilen und Blickrichtungen.
Die Ladenbesitzerin nickte mir kurz zu,
doch irgendetwas an ihrem Gesicht veränderte sich,
als die Kinder ungeduldig auf eine der oberen Regale zeigten.
Und dann sah ich ihn.
Einen Kopf aus hellem Stein.
Stark und zugleich mild.
Lockiges Haar, ein ruhiger Bart,
ein Gesicht, das mehr zuhört, als es spricht.
Ein Blick, der nicht fordert,
sondern wahrnimmt.
Der Kopf eines Heilers.
Eines Gottes,
der nicht triumphiert,
sondern begleitet.
Ein Asklepios-Kopf,
wie man ihn aus alten Tempeln kennt –
nicht als ganze Statue,
sondern als verdichtete Essenz:
ein Gesicht,
das etwas in einem öffnet,
ohne ein Wort zu sagen.
In diesem Moment erstarrte die Verkäuferin leicht,
als hätte sie etwas Unwahrscheinliches gesehen,
das sie einen Atemzug lang aus der Fassung brachte.
Und ich stand da,
ein Mann mit verschwitztem T-Shirt,
Ferienstaub an den Schuhen,
und spürte,
wie der Raum für einen Moment still wurde.
Nicht, weil jemand mich verwechselte.
Nicht, weil ich „wie Asklepios“ wäre.
Sondern weil die Kinder,
ohne Mythologie,
ohne Analyse,
ohne Projektion,
etwas gesehen hatten,
das Erwachsene so leicht übersehen:
die Ähnlichkeit von Wesenheiten –
nicht von Gesichtern.
Natürlich habe ich den Kopf gekauft.
Nicht als Trophäe,
nicht aus Eitelkeit,
sondern weil sich etwas in mir regte,
das älter war als der Moment.
Es war kein Kauf,
sondern ein Annehmen.
Und trotzdem hat mich dieser Moment
nicht verändert.
Er hat mein Leben nicht neu ausgerichtet,
keine Vision geöffnet,
keinen Weg gewiesen.
Er war einfach da —
ein stiller Hinweis,
nicht mehr,
nicht weniger.
Manchmal sind es gerade diese unspektakulären Augenblicke,
die etwas anstimmen,
das erst später nachklingt.
Nicht als Erkenntnis,
sondern als Ton.
Und dieser Ton
begann erst beim Schreiben wieder zu schwingen.
Jetzt steht dieser Kopf nicht als Dekoration bei mir,
sondern wie ein leiser Zeuge:
eine Erinnerung daran,
dass uns alte Bilder manchmal entdecken,
bevor wir selbst bereit wären, sie zu suchen.
Eine Erinnerung daran,
dass Vergangenheit nicht vergeht,
sondern wartet —
geduldig,
in Regalen voller Staub,
in Gassen voller Sommerlicht,
in kleinen Momenten des Vorübergehens.
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