Warum man nicht für Freunde legt / lügt


November 29, 2025
Stephan Pohl

Manche Gedanken gehören nicht in ein großes Werk. Sie tauchen auf, bleiben einen Moment, und wollen festgehalten werden, bevor sie wieder weiterziehen.

Warum man nicht für Freunde legt / lügt

Es gibt einen unausgesprochenen Satz, der in vielen spirituellen Arbeiten immer wieder auftaucht, aber selten offen ausgesprochen wird:
Man legt nicht für Freunde.
Und wenn man es doch tut, legt man häufiger für die Beziehung — als für den Menschen.

Das Wortspiel „legen / lügen“ trägt eine Wahrheit in sich, die unangenehm klar ist.
Nicht im moralischen Sinn, nicht als bewusster Betrug, sondern als Mechanik:
Sobald ich jemanden kenne, beginne ich unbewusst, seine Geschichte zu schützen.

Ich höre nicht mehr neutral.
Ich lese nicht mehr frei.
Ich deute durch die Brille der Zuneigung, der Sorge, der Hoffnung.

Ein Freund bringt etwas mit, das jedes Orakel, jede Karte, jede Wahrnehmung durchdringt: Bedeutung.
Und Bedeutung färbt alles ein.
Sie macht es schwieriger, etwas zu sehen, das nicht in die Beziehung passt.
Sie macht es fast unmöglich, etwas auszusprechen, das weh tun könnte.
Und sie lädt dazu ein, das zu überhören, was eigentlich deutlich wäre.

Niemand lügt absichtlich.
Die Nähe lügt für einen.

Denn man will jemanden nicht verletzen.
Man will nicht unrecht tun.
Man will helfen.
Man will trösten.
Man will schützen.

Innerlich entsteht dann eine Mischung aus Rücksicht und Wunsch, die sich wie Wahrnehmung anfühlt, aber keine ist.
Das Bild wird weichgezeichnet.
Die Nuancen verschwimmen.
Das, was man eigentlich sieht, wird abgesenkt.
Das, was man glaubt, sehen zu sollen, wird lauter.

Freundschaft ist ein warmes Feld — aber kein klares.
Sie ist voller Schichten, voller Erinnerungen, voller unausgesprochener Erwartungen.
Und diese Schichten legen sich über jede Karte, jede Rune, jedes innere Bild.
Sie wirken wie ein Filter, der deutlicher ist als jede Botschaft, die sich zeigen könnte.

Deshalb legt man nicht für Freunde.
Nicht weil man ihnen die Wahrheit nicht gönnt — sondern weil man sie zu sehr liebt, um ihr ungeschönt zu begegnen.
Freundschaft ist ein Raum, in dem man hilft, stützt, zuhört.
Aber sie ist kein Raum für Orakel.
Er ist zu warm, um kühl zu sehen.

Und vielleicht ist das auch gut so.
Ein Freund braucht keinen Kanal.
Er braucht ein Gegenüber.
Und das ist etwas ganz anderes.

 

Einige Gedanken, die am Rand dieses Essays entstanden sind, habe ich im Vorübergehen gesammelt – dort, wo kurze Einsichten ihren eigenen Raum finden.
Zur Kategorie „Im Vorübergehen“


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